Sun hatte den Satz kaum ausgesprochen, als die Tür aufging.
Die Haushälterin trat mit jener Entschiedenheit ein, die dem Hauptgang angemessen war. Hinter ihr schob sie einen breiteren Servierwagen als zuvor. Auf der oberen Platte stand eine ovale Silberform mit Deckel, daneben zwei kleinere Schüsseln aus schwerem Porzellan und eine flache, rechteckige Platte, über der eine silberne Cloche lag. Der Duft kam vor ihr an: Lamm, Rosmarin, geschmorte Zwiebeln, heißer Bratensaft.
Es war ein schwererer Duft als der des Oktopus. Weniger Meer, mehr Erde. Weniger Rauch, mehr Haus.
Niemand sagte sofort etwas.
Draußen auf der Terrasse standen Justin, Justine und Lito noch immer im Mondlicht. Justine hatte die Arme verschränkt, Lito hielt ihre und Justins Hand wie zum Kinderreigen leise, Justin sah nicht zu ihnen, sondern hinaus in den Garten, als versuche er, die Dunkelheit zwischen Terrasse und Hof zu begreifen. Brian blickte nur kurz hinaus. Dann wandte er sich wieder dem Tisch zu.
Bianca stellte den Wagen neben die Anrichte. Erst nahm sie die leeren Suppenteller fort, dann die Löffel, dann die kleinen Brotteller, auf denen noch Krümel und Spuren von Dill lagen. Sie arbeitete ohne Frage, ohne Kommentar. Dennoch schien jeder ihrer Handgriffe zu wissen, dass am Tisch eben zu viel gesagt worden war.
Emmett legte seinen Löffel besonders sorgfältig auf den Teller, als könne er dadurch den letzten Satz der vorigen Szene ungeschehen machen.
„Danke“, sagte er, viel zu höflich.
Bianca nahm den Teller. „Bitte, Signore.“
Wolfgang sah nicht zu ihr. Er sah auf seine Hände. Sun saß wieder sehr gerade. Ihre Schultern waren ruhig, aber ihr Blick hatte etwas Abgeschlossenes. Mary beobachtete das mit kühler Aufmerksamkeit.
Vittorio räusperte sich. „Bianca, was bringen Sie uns?“
„Gebratenes Lamm, Eminenz. Mit gedünsteten Fisolen, Erdäpfelstrudel und Ziegenkäsebällchen im Bratensaft.“
Emmett hob den Kopf.
„Entschuldigung. Erdäpfelstrudel?“
„Seine Trockenheit ist perfekt, um den Bratensaft zu insorbieren“, sagte Bianca.
Emmett lächelte, aber es hielt nicht lange. „Ich rede, wenn ich nervös bin.“
Mary lächelt ihm anerkennend zu „Das ist mir aufgefallen.“
„Dann sind wir schon zwei.“ knurrt Wolfgang mit gefletschten Zähnen gegenüber Emmett.
Bianca hob den Deckel der Silberform. Das Lamm lag darin in kräftigen Scheiben, außen dunkel gebräunt, innen zart, mit Zwieblringen und Zitronenblättern im Saft. In der ersten Porzellanschüssel lagen die Fisolen, grün und glänzend, mit etwas Butter und Zitronenschale. In der zweiten warteten kleine Ziegenkäsebällchen, nicht mehr rund, sondern leicht gequetscht, so dass der Käse sich mit dem braunen Bratensaft verbunden hatte. Auf der flachen Platte lag der Erdäpfelstrudel, goldgelb, in dicke Scheiben geschnitten, die Füllung aus Kartoffeln, Zwiebeln und Rapsblüten sichtbar zwischen den Schichten.
Brian betrachtete den Wagen.
„Das ist sehr österreichisch für eine griechische Insel.“
Vittorio nickte. „Meine Familie hat österreichische Schwägerinnen, griechische Köchinnen und römische Gewohnheiten. Die Köchin nennt das Menüplanung. Ich nenne es Europa.“
„Ich werde es erst benennen, nachdem ich davon gegessen habe“, sagte Brian.
Bianca begann wieder bei Mary. Eine Scheibe Lamm, zwei Löffel Fisolen, ein Stück Erdäpfelstrudel, ein Ziegenkäsebällchen, das im Saft fast zerfiel. Mary nahm den Teller entgegen, ohne ihr zu danken, aber mit jener knappen Neigung des Kopfes, die sie für Dank hielt.
Fiona bekam weniger Lamm, mehr Fisolen. Meghan wurde gefragt, ob sie überhaupt etwas wolle.
„Nur Gemüse, drei Stück Lamm, aber nichts von den gelben Erdäpfeln oder den unrunden Ziegenbällchen, die sehen seltsam aus“, sagte Meghan abgestoßen.
Bianca wartete.
„Wie die Signora wünscht“, murmelte die Köchin, während sie den ungewöhnlichen Wunsch erfüllte.
Meghan warf Brian einen bösen Blick zu. „Denken Sie nicht einmal daran, das zu benennen.“
Als Bianca bei Sun ankam, sah Mary wieder hin. Bianca servierte ihr dieselbe Portion wie den anderen: nicht kleiner, nicht größer, kein Zeichen der Furcht, kein Zeichen der Schonung.
Sun sagte: „Danke.“
Bianca nickte nur.
Bei Wolfgang legte sie ein größeres Stück Lamm auf den Teller. Er sah auf.
„Warum?“
„Sie sehen aus, als hätten Sie es nötig.“
Für einen Augenblick hätte Emmett beinahe gelacht. Er tat es nicht. Wolfgang sah Bianca an, dann den Teller.
„Danke, aber um Frau O’Neill nicht gewinnen zu lassen, nehme ich noch drei Stück, um auf vier zu kommen. Aber ich will auch zwei Ziegenbällchen und ein Stück von dem Strudel.“
Die Köchin nickte und richtete gemäß dem Ewunsch an.
Als sie bei Emmett stand, fragte sie: „Mehr oder weniger Lamm?“
„Zwei Scheiben genügen bitte. Und genug Erdäpfelstrudel, dass ich kurz vergesse, was Herr Bogdanow gesagt hat.“
Wolfgang tauchte seinen Ringfinger in das Wasserglas und bespritzte Emmett mit Wasser.
„Über das Lamm oder die Ziegenbällchen oder gegen Frau O’Neill?“
Emmett nahm den Teller mit beiden Händen. „Ich verdiene das. Aber Frau Cleary-O’Neill nicht, denn es ist das Trauermahl für ihren verstorbenen Sohn Dane, kein Berliner Esswettstreit.“
„Nein“, sagte Sun plötzlich. „Dane ist seit einem Jahr tot, dieses Essen hat sich zu einem Prozess mit Messern, Löffeln und Gabeln verwandelt. Würde es noch leben, würden Mary Carson und ihr Emmett-Schoßhündchen selbst das Lamm verdächtigen Sebastian Valerienne von der Klippe gestoßen zu haben.“
Alle sahen sie an.
Sun hatte das Wort nicht laut gesagt, aber es stand fest genug im Raum.
„Jetzt haben Sie es auch getan!“, sagte sie zu Emmett. „Brian, wieso verwechselt diese Frau Bak jetzt auch die Namen der Toten.“
Emmett sah auf seinen Teller, dann zu ihr. „Ich habe geholfen, Sie zu verdächtigen, bevor ich wusste, dass auch brian mit Ihnen konspiriert, nicht nur Herr Bogdanow. Ist das eine Verschwörung?“
Vittorio nahm ein Stück Lamm. „Bitte, das war ein unbeabsichtigter Ausrutscher, vielleicht durch die Ziegenkäsebällchen verursacht. Lassen Sie uns alle doch über etwas anderes reden. Mexiko oder Chile zum Beispiel.“
Wolfgang war verwirrt: „Warum nicht Liberia oder Ungarn?“
„Gerne auch über Ungarn, ich war einmal in Budapest bei einer Konferenz.“ gab Vittorio beiläufig zu, bevor auch er ein Ziegenkäsebällchen aufspießte und aß.
Wolfgang hob leicht den Kopf, sagte aber nichts.
„Bei Ungarn denke ich an marikas Röck, Pusztaaufstrich und Balaton-Party-Bilder“, sagte Emmett leise.
„Ich war noch nie in Ungarn“, sagte Sun wieder.
Brian lehnte sich zurück. „Ist es in einem kommunistischen Land nicht trostlos? Niemand braucht Werbung, denn alle müssen konsumieren, was die Regierung befiehlt.“
Vittorio sah ihn streng an. Brian hob sein Glas, als entschuldige er sich, ohne sich zu verwirren.
Meghan nahm ihre Gabel auf, legte sie wieder hin, nachdem sie ein ganzes Stück Lamm ungeschnitten in ihren Mund steckte und demonstrativ mit Blick auf Wolfgang verspeiste. „Man kann nicht jedes Wort zurückholen oder ein gebratenes Lamm wieder roh machen.“
Fiona sah sie an. „Nein. Aber man kann aufhören, noch mehr davon nachzuwerfen. Es ist genug Lamm da, du musst nicht schlingen.“
Mary schnitt das Lamm mit präziser Ruhe. „Das klingt nach einer Weisheit, die man sich auf einem sehr armen Hof leisten muss. In Drogheda haben wir jedes Jahr tausend Lämmer.“
Fiona antwortete nicht sofort. Sie nahm ein kleines Stück Erdäpfelstrudel, probierte es und nickte, als wäre es wichtiger, dass der Strudel gut sei, als dass Mary sie gerade getroffen hatte.
„Ich kenne jedes Lamm mit Nummer und Name, so wie ich einst in Neuseeland Spitzentaschentücher und Rubine gezählt habe. Es gibt Tugenden, die verlernt man nicht.“
Vittorio schenkte Fiona Wein nach. „Und hier?“
„Ich sah auf der Insel weder Lämmer noch Spitzentaschentücher und nur einen einzigen Rubin, den an Ihrer Hand, Eminenz.“
Der Satz war leise. Meghan senkte den Kopf.
Bianca, die gerade Brian servierte, hielt nicht inne. Sie hatte Übung darin, Sätze zu hören, die nicht für sie bestimmt waren.
Brian bekam Lamm, Fisolen, Strudel, Käse. Er sah auf den Teller.
„Wenn ich jetzt sage, dass das hervorragend riecht, wirke ich herzlos.“
„Nein“, sagte Vittorio, der kurz den Ring an seiner rechten Hand beobachtete. „Wer das Essen nicht lobt, lebt nicht.“
Brian schnitt ein Stück ab und probierte. Er kaute, nickte knapp.
„Das ist wirklich hervorragend.“
Die Köchin nahm es ohne sichtbare Regung hin.
Emmett sah zu Vittorio. „Sind diese Teller alt?“
Der Kardinal antwortete „Sie sind älter als meine Erinnerungen. Dieses Porzellan gab es in diesem Haus lange, bevor ich geboren wurde.“
Mary legte die Gabel ab. „Sie wollten den Himmel aus Porzellan erklären, Herr Honeycutt?“
Emmett blickte überrascht auf. „Wollte ich?“
„Sie beobachten Silber, Kerzen und Teller. Also erklären Sie.“
Er sah sich im Raum um. Die langen Spiegel zwischen den Fenstern, die Kerzen, die offenen Türen, durch die der Mondschein hereinkam, die Teller mit dem schmalen Rand aus Blau und Gold, die kleinen Wappenzeichen, die zu Vittorios Familie gehörten.
„Porzellan“, sagte er langsam, „ist die höflichste Form von Unschuld: Egal welche Farbe darüber gemalt oder glasiert wird, darunter bleibt es immer weiß und unberührt: Blanke Unschuld.“
Brian hob eine Augenbraue.
Emmett fuhr fort, jetzt etwas sicherer. „Man nimmt Erde, macht sie weiß, brennt sie, glasiert sie, malt Gold an den Rand und tut dann so, als sei sie zerbrechlich, obwohl sie durch Feuer gegangen ist. Menschen mit sehr alten Häusern lieben solche Dinge. Sie erinnern sie daran, dass Familien im Feuer der Geschichte gebrannt wurden zu dem, was sie heute sind.“
Vittorio betrachtete seinen Teller mit neuem Interesse. „So habe ich die Unterlage von Lamm und Zwiebeln noch nie gesehen. Wir sollten uns nach dem Dessert in der Bibliothek weiter über Porzellan und Silber unterhalten.“
„Danke. Ich richte Partys aus. Man lernt, dass jedes Glas eine Gesellschaftsordnung hat, aber normalerweise habe ich nicht so edles Material zur Verfügung.“
„Und diese Teller?“, fragte Fiona.
Emmett sah auf Marys Teller, dann auf Meghans fast unberührtes Gemüse, weil sie nur gierig das Fleisch aß, dann auf Sun, die ihr Lamm noch nicht angerührt hatte, weil sie im Gegenzug den ganzen Erdäpfelstrudel in die Sauce gedrückt und gegessen hatte.
„Diese Teller tragen auf demselben Grund unterschiedliche Geschmäcker, so wie wir alle aufgrund unserer Biographien dieselbe Leiche draußen unterschiedlich interpretieren.“
Diesmal lachte niemand.
Mary sah ihn lange an. „Vielleicht habe ich Sie unterschätzt.“
„Das passiert oft. Meistens wegen der zu bunten Krawatten.“
Wolfgang nahm sein Glas. „Ich habe Sie auch unterschätzt.“
Emmett sah zu ihm.
Der Moment blieb zwischen ihnen stehen, nicht warm, aber weniger scharf als zuvor.
Sun nahm nun ein kleines Stück Lamm. Sie aß langsam, fast pflichtbewusst. Mary sah zu ihr, aber diesmal sagte sie nichts.
Draußen auf der Terrasse bewegte sich Justin. Er trat näher an die offene Tür, blieb aber draußen. Justine hielt ihn am Arm fest. Lito stand hinter ihr, mit dem Blick eines Mannes, der am liebsten in zwei Szenen zugleich spielen würde.
Brian bemerkte es.
„Sie frieren oder haben Angst vor dem Lamm“, sagte er.
„Wer?“ fragte Meghan.
„Die drei draußen.“
„Dann sollen sie hereinkommen und sich ihrer Angst stellen.“ fand Fiona, bevor sie das nächste gequetschte Ziegenkäsebällchen aß.
Vittorio schüttelte den Kopf. „Ich habe ihnen ein paar Minuten gegeben. Es ist gut, wenn nicht alle Winde im selben Raum offen wehen. Und die drei sehen nicht aus, als würden sie das Lamm vermissen.“
Die kurze Erleichterung hielt nicht lange. Mary blickte wieder zur Terrasse.
„Justine bleibt auffallend gern draußen.“
„Sie brauchte Luft“, sagte Meghan.
Mary ätzte, bevor sie drei Fisolen aufspießte: „Sie braucht immer Publikum.“
„Mary“, sagte Fiona.
„Was? Dort steht sie doch. Mit einem Schauspieler und einem Maler. Als könnte das Mondlicht ihr eine Unschuld geben, die der Raum hier ihr verweigert.“
Brian stellte sein Glas ab. „Justin steht dort draußen, weil er Justine interessant findet. Und der mexikanische Schauspieler hat sich wohl an dem Oktopus oder der Gurkensuppe veressen.“
Wolfgang mischte sich ein: „Er heißt Lito.“
Emmett sah von Brian zu Meghan und wusste plötzlich, dass in dieser Nacht noch mehr passieren würde als ein leckeres Abendessen.
Vittorio griff nach dem Messer, schnitt aber nicht. „Herr Kinney.“ Jetzt zerteilte er das letzte Lammstück. „Kamen Ihre Eltern oder Großeltern aus Irland? Das wäre eine schöne Verbindung zu Drogheda.“
„Genau.“, warf Meghan ein, die ihr letztes Lammstück verschlang.
Sun sah zur Terrasse. „Justin beobachtet die Dunkelheit, nicht den Tisch.“
Alle wandten sich kurz dorthin. Justin stand tatsächlich nicht mehr in Richtung Speisezimmer. Er blickte über den Garten zum Durchgang des Hofes. Justine sprach auf ihn ein, aber er schien nur halb zuzuhören.
„Er hat die Lage des Körpers gesehen“, sagte Brian.
„Sie auch“, sagte Fiona. „Aber während Maler sie zeichnen würde, wird Justine versuchen, sie nachzuspielen. Das tut sie seit ihrer Kindheit.“
Für eine Weile wurde schweigend aufgegessen. Das Lamm war zart, die Fisolen hatten Biss, der Erdäpfelstrudel nahm den Saft auf, und die Ziegenkäsebällchen zerdrückten sich weich unter der Gabel.
Und im Speisezimmer warteten alle, ohne zu wissen, ob die Überraschung noch eine Form von Gastlichkeit war oder nur eine weitere Art, den Abend anzuzünden, als Vittorio auf die Terrasse rief, um auch die äußeren drei zum Dessert hereinzurufen.


